Auszug Radsportmagazin „Radwelt"

Heft 90/7-95



Otto Peter, dieser alte Haudegen aus Passau, früher erfolgreicher Radsportler und heute nicht nur Rad‑
funktionär sondern noch eifriger Radfahrer "man kann es halt nicht mehr lassen" schildert die Eindrücke

einer Ausfahrt mit dem Rennrad:                      Selbstzufriedenheit


Es ist unerträglich heiß, in Kopfing beginnen gerade die Glocken mit dem Zwölfuhrläuten, die Straßen sind leer, wie ausgestorben wirkt der Ort. Da nähert sich von Süden langsam ein Radfahrer, er hat schon etliche Jahre auf seinem Buckel, der bei ihm eher vorne zu finden ist. Schwer ist sein Tritt, denn der letzte Berg hat seine Reserven fast verbraucht. Er will über die Höhen des Sauwaldes, Richtung St. Ägidi, wo er nach der langen Abfahrt bei Engelhartszell das Donauufer erreichen kann, dort verspricht er sich am Wasser entlang eine erfrischende Brise. Aber noch hat er zunächst ein paar Steigungen vor den Rädern, er nimmt sie nicht mehr im Sturm, wie vor einigen Jahrzehnten, als er noch ein junger Rennfahrer war. Doch Tritt für Tritt denkt er an längst vergangene Zeiten, an ehe‑


malige Rennsportkameraden, die schon durch die ewigen Radler­jagdgründe fahren und an einige, die von längerem Leiden gezeich­net sind und nicht mehr radeln können. Da überkommt ihn ein tie­fes Dankbarkeitsgefühl, er sieht die schöne Natur, die bunten Wie­sen und den schattigen Wald, die schmucken Dörfer und den blauen Himmel. Nun empfindet er auch die Mittagshitze nicht mehr als so unangenehm. Er darf das alles noch genießen und hoffentlich noch einige Jahre erleben. Plötz­lich biegt hinter ihm ein Traktor aus einem Feldweg in die Straße ein, dem Lärm nach holt er sogar gegen den Radler auf. Dieser denkt erschrocken: "Der wird mich doch nicht noch überholen" und wuchtet stärker in die Pedale. Beide haben zu schleppen, der Traktor seinen mit Stroh bela‑


denen Anhänger, der Radler seine überflüssigen Pfunde. Das Herz pocht ihm bis zum Hals, und die Steigung will nicht enden. Er läßt nicht nach, und allmählich beschleunigt er seine Umdrehun­gen. Es ist ein Kampf zweier Oldti­mer, der Motor des Traktors tuckert gewaltig. "Du kriegst mich nicht" hämmert es im Kopf des Radleroldtimers und langsam wächst der Abstand zwischen den beiden. Die Steigung geht zu Ende, das Rennrad läuft nun schneller und das Motoren­geräusch wird leiser. Es geht eine Abfahrt hinunter, der Fahrtwind tut gut, ein Schluck aus der Fla­sche zur Belohnung. Aber die Genugtuung, den inneren Schweinehund überlistet zu haben, ist noch besser. Es geht halt nichts über die Selbstzufrie­denheit, es lebe der Radsport!

 


 

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